Zusammenfassung

Die Aufwandsabschätzung stellt einen der wichtigsten Prozesse im Projektmanagement dar und dient der Prognose des Zeit-, Kosten- und Ressourcenbedarfs eines Projekts und bildet die Grundlage für Projektplanung, Budgetierung sowie Risikomanagement. Fehlerhafte Aufwandsschätzungen können erhebliche Auswirkungen auf den Projekterfolg haben. Während eine zu optimistische Schätzung häufig zu Terminüberschreitungen, Budgetproblemen und Qualitätsmängeln führt, kann eine zu pessimistische Schätzung Ressourcen binden und die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens beeinträchtigen. Dieser Artikel stellt die wichtigsten Verfahren der Aufwandsabschätzung vor, erläutert ihre Vor- und Nachteile und gibt Empfehlungen für ihren praktischen Einsatz.

1. Einleitung

Entwicklungsprojekte zeichnen sich einerseits häufig durch komplexe Anforderungen, technologische Unsicherheiten und sich ändernde Rahmenbedingungen aus und müssen aber andererseits unter den gegebenen wirtschaftlichen, technischen und zeitlichen Rahmenbedingungen erfolgreich umgesetzt werden. Eine der größten Herausforderungen besteht darin, den erforderlichen Entwicklungsaufwand möglichst genau abzuschätzen. Die Aufwandsabschätzung beeinflusst nahezu alle Bereiche des Projektmanagements, angefangen bei der Budgetplanung über die Ressourcenverteilung bis hin zur Terminplanung.

Studien zeigen, dass fehlerhafte Aufwandsschätzungen zu den häufigsten Ursachen für das Scheitern von Softwareprojekten gehören. Eine realistische Planung trägt daher wesentlich zur erfolgreichen Durchführung eines Projekts bei. Da jedes Projekt individuelle Anforderungen und Risiken besitzt, existieren unterschiedliche Verfahren zur Aufwandsschätzung, die je nach Projektart und Entwicklungsmodell eingesetzt werden können.

2. Bedeutung der Aufwandsabschätzung

Die Aufwandsabschätzung ist ein zentrales Instrument des Projektmanagements und verfolgt das Ziel, den benötigten Zeit-, Kosten- und Personalaufwand eines Softwareprojekts möglichst realistisch vorherzusagen. Eine fundierte Schätzung schafft Transparenz für alle Projektbeteiligten und bildet die Grundlage für strategische sowie operative Entscheidungen. So unterstützt sie die Erstellung von Zeitplänen, die Budgetplanung sowie die Personalplanung und dient als Grundlage für Angebote und Vertragsverhandlungen. Darüber hinaus ermöglicht sie die Kontrolle des Projektfortschritts und die frühzeitige Identifikation möglicher Risiken.

Zu den wichtigsten Zielen der Aufwandsabschätzung gehören:

  • Projektplanung – Die Schätzung ermöglicht die Erstellung eines realistischen Projektplans. Aufgaben können zeitlich eingeordnet, Meilensteine definiert und Abhängigkeiten zwischen einzelnen Arbeitspaketen berücksichtigt werden. Dadurch wird eine strukturierte Durchführung des Projekts unterstützt.
  • Ressourcenplanung – Anhand des geschätzten Aufwands kann bestimmt werden, wie viele Mitarbeiter mit welchen Qualifikationen benötigt werden. Ebenso lassen sich externe Dienstleistungen oder zusätzliche Infrastruktur frühzeitig einplanen.
  • Budgetplanung – Die Aufwandsabschätzung dient als Grundlage für die Kalkulation der Projektkosten. Unternehmen können dadurch Angebote erstellen, Investitionen planen und die Wirtschaftlichkeit eines Projekts bewerten.
  • Risikomanagement – Durch die frühzeitige Identifikation besonders aufwendiger oder unsicherer Projektbereiche können Risiken erkannt und geeignete Gegenmaßnahmen entwickelt werden. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Projektabschlusses.
  • Fortschrittskontrolle – Während der Projektlaufzeit werden die tatsächlichen Aufwände mit den geplanten Werten verglichen. Abweichungen können früh erkannt werden, wodurch Projektleiter rechtzeitig Anpassungen vornehmen können.
  • Kommunikation mit Stakeholdern – Eine nachvollziehbare Aufwandsabschätzung schafft Transparenz gegenüber Kunden, Management und Projektteam. Sie unterstützt die Erwartungssteuerung und bildet eine objektive Grundlage für Entscheidungen über Termine, Budget und Projektumfang.

Daher ist das Ziel, bereits vor Projektbeginn eine möglichst genaue und realistische Schätzung des Aufwands und eine möglichst realistische Einschätzung über die benötigten Ressourcen zu erhalten. Die Genauigkeit einer Aufwandsschätzung hängt unter anderem von folgenden Faktoren ab:

  • Qualität der Anforderungen
  • Erfahrung des Projektteams
  • Komplexität des Produkts
  • eingesetzte Technologien
  • Projektrisiken
  • Verfügbarkeit historischer Projektdaten

Da sich Anforderungen während eines Projekts verändern können, handelt es sich bei einer Aufwandsschätzung grundsätzlich um eine Prognose und nicht um einen exakten Wert.

2.2 Auswirkungen einer zu optimistischen Aufwandsabschätzung

Eine zu optimistische Aufwandsabschätzung liegt vor, wenn der tatsächliche Aufwand höher ist als ursprünglich geplant. Dies gehört zu den häufigsten Ursachen für das Scheitern von Entwicklungsprojekten. Die Folgen sind:

  • Terminüberschreitungen
  • Budgetüberschreitungen
  • steigender Zeitdruck
  • Überlastung des Projektteams
  • Qualitätsmängel durch verkürzte Testphasen
  • sinkende Kundenzufriedenheit
  • Vertrauensverlust gegenüber dem Auftraggeber

2.3 Auswirkungen einer zu pessimistischen Aufwandsabschätzung

Eine zu pessimistische Aufwandsabschätzung liegt vor, wenn deutlich mehr Zeit oder Ressourcen eingeplant werden, als tatsächlich erforderlich sind. Obwohl diese Variante zunächst weniger kritisch erscheint, kann sie ebenfalls folgende Nachteile verursachen:

  • unnötig hohe Projektkosten
  • ineffiziente Ressourcennutzung
  • geringere Wettbewerbsfähigkeit bei Angeboten
  • spätere Markteinführung eines Produkts
  • Leerlaufzeiten im Projektteam
  • reduzierte Wirtschaftlichkeit des Projekts

Eine realistische Aufwandsschätzung stellt also den optimalen Kompromiss zwischen Risikoabsicherung und wirtschaftlicher Planung dar. Da sowohl zu optimistische als auch zu pessimistische Schätzungen negative Auswirkungen auf den Projekterfolg haben, ist das Ziel einer professionellen Aufwandsabschätzung nicht die exakte Vorhersage des tatsächlichen Aufwands, sondern die möglichst realistische Berücksichtigung von Unsicherheiten und Risiken. 

In der Praxis wird dieses Ziel häufig durch die Kombination verschiedener Schätzmethoden, die Einbeziehung mehrerer Experten sowie die kontinuierliche Überprüfung und Anpassung der Schätzungen während des Projektverlaufs erreicht. Dadurch können Planungsfehler reduziert und Projekte hinsichtlich Zeit, Kosten und Qualität erfolgreicher umgesetzt werden.

3. Methoden der Aufwandsabschätzung

Die verschiedenen Methoden der Aufwandsabschätzung unterscheiden sich in ihrem Ablauf, der benötigten Informationen und der Genauigkeit der Ergebnisse. Im Folgenden wird die Vorgehensweise der wichtigsten Abschätzungsmethoden beschrieben.

3.1 Expertenschätzung

Die Expertenschätzung gehört zu den ältesten und am häufigsten eingesetzten Verfahren. Sie basiert auf den Erfahrungen von Projektleitern oder Entwicklern, die ähnliche Projekte bereits durchgeführt haben. Sie ist schnell durchführbar und eignet sich besonders für kleine Projekte oder erste Projektphasen.

Vorteile

  • sehr schneller Schätzprozess aufgrund des geringen Aufwands
  • schnelle Ergebnisse aufgrund geringern organisatorischen Aufwand
  • Nutzung vorhandenen Erfahrungswissens

Nachteile

  • subjektive Einschätzung
  • Ergebnisse hängen stark von der Erfahrung der Experten ab
  • mögliche Verzerrungen durch persönliche Erwartungen

Einsatzgebiete

  • Besonders geeignet für Vorabschätzungen in ersten Projektphasen und die Experten Erfahrungen mit ähnlichen Projekten haben.

Vorgehensweise

  1. Analyse der Projektanforderungen und des Projektumfangs.
  2. Identifikation der einzelnen Projektphasen oder Arbeitspakete.
  3. Schätzung des Aufwands durch einen oder mehrere Experten anhand ihrer Erfahrungen.
  4. Diskussion und Plausibilisierung der Ergebnisse.
  5. Dokumentation der Annahmen und gegebenenfalls Anpassung der Schätzung.

Beispiel

Ein Softwareentwickler hat bereits mehrere Webanwendungen ähnlicher Größe entwickelt. Aufgrund seiner Erfahrung schätzt er den Entwicklungsaufwand für das neue Projekt auf 350 Arbeitsstunden.

Einordnung

Qualitative, expertenbasierte Methode.

3.2 Analogie-Schätzung

Die Analogie-Schätzung nutzt historische Projektdaten als Grundlage für die Aufwandsschätzung. Bei dieser Methode wird das aktuelle Projekt mit bereits abgeschlossenen Projekten verglichen und auf Basis der Ähnlichkeiten werden dann Aufwand und Kosten abgeleitet.

Vorteile

  • praxisnahe und realitätsnahe Schätzung
  • einfache Anwendung
  • nachvollziehbare Ergebnisse
  • hohe Genauigkeit bei vergleichbaren Projekten

Nachteile

  • benötigt historische Projektdaten, es müssen also geeignete Referenzprojekte  vorhanden sein
  • eingeschränkte Anwendbarkeit bei innovativen Projekten, da sich sehr innovative Projekte meist nur schwer vergleichen lassen

Einsatzgebiete

  • Wenn ähnliche Projekte bereits gemacht wurden und Daten zur Verfügung stehen.

Vorgehensweise

  1. Auswahl eines bereits abgeschlossenen Projekts mit ähnlichen Eigenschaften.
  2. Vergleich von Größe, Komplexität, Teamgröße und Technologie.
  3. Analyse der Unterschiede zwischen Referenzprojekt und aktuellem Projekt.
  4. Anpassung des bekannten Aufwands an die neuen Rahmenbedingungen.
  5. Erstellung der endgültigen Aufwandsschätzung.

Beispiel

Ein Unternehmen hat bereits einen Online-Shop mit einem Aufwand von 900 Stunden entwickelt. Das neue Projekt besitzt ähnliche Funktionen, jedoch zusätzlich ein Bewertungssystem. Der geschätzte Aufwand wird daher auf etwa 1.050 Stunden erhöht.

Einordnung

Vergleichsbasierte empirische Methode.

3.3 Top-down-Schätzung

Bei der Top-down-Methode wird zunächst der Gesamtaufwand geschätzt und anschließend auf einzelne Projektbestandteile verteilt.

Vorteile

  • schneller Überblick durch sehr schnelle Durchführung
  • gute Grundlage für erste Projektplanungen
  • unterstützt Budgetplanung

Nachteile

  • geringe Detailgenauigkeit
  • Risiken einzelner Arbeitspakete werden häufig übersehen oder unterschätzt

Einsatzgebiete

  • Die Top-Down-Schätzung ist besonders geeignet für frühe Projektphasen, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen.

Vorgehensweise

  1. Definition des Gesamtumfangs des Projekts.
  2. Schätzung des gesamten Projektaufwands.
  3. Aufteilung des Gesamtaufwands auf Projektphasen wie Analyse, Entwicklung, Test und Dokumentation.
  4. Überprüfung der Verteilung und Anpassung bei Bedarf.

Beispiel

Der Gesamtaufwand wird auf 1.000 Stunden geschätzt:

  • Analyse: 150 Stunden
  • Design: 200 Stunden
  • Entwicklung: 450 Stunden
  • Test: 150 Stunden
  • Dokumentation: 50 Stunden

Einordnung

Hierarchische Grobschätzung.

3.4 Bottom-up-Schätzung

Bei der Bottom-up-Methode wird das Projekt zunächst in einzelne Arbeitspakete zerlegt. Anschließend wird der Aufwand jeder Aufgabe separat geschätzt und zum Gesamtaufwand addiert. Die Bottom-up-Schätzung gilt als eine der genauesten Methoden, da jede Aufgabe einzeln bewertet wird.

Vorteile

  • sehr hohe Genauigkeit
  • transparente Planung
  • gute Nachvollziehbarkeit

Nachteile

  • hoher Zeitaufwand
  • detaillierte vorhandene Projektstruktur ist erforderlich und detaillierte Anforderungen müssen bereits bekannt sein
  • Risiken einzelner Arbeitspakete bzw. Anforderungen können unter Umständen übersehen oder unterschätzt werden

Einsatzgebiete

  • Wenn eine detaillierte Planung notwendig ist, z.B. für Festpreisprojekte.
  • Eignet sich für Projekte mit klarer Struktur.

Vorgehensweise

  1. Erstellung eines Projektstrukturplans (Work Breakdown Structure).
  2. Zerlegung des Projekts in einzelne Arbeitspakete.
  3. Schätzung jedes Arbeitspakets separat.
  4. Addition aller Einzelaufwände.
  5. Berücksichtigung von Risikopuffern und Reserven.

Beispiel

ArbeitspaketAufwand
Anforderungsanalyse40 Stunden
Datenbankentwicklung80 Stunden
Benutzeroberfläche120 Stunden
Implementierung180 Stunden
Test und Dokumentation80 Stunden

Gesamtaufwand: 500 Stunden

Einordnung

Analytische Detailmethode.

3.5 Story Points

Die Story Points bewerten nicht den Zeitaufwand, sondern die relative Komplexität einer Aufgabe. Story Points werden vor allem in agilen Projekten und sehr häufig in Verbindung mit dem Planning Poker eingesetzt. Dazu wird einer ausgewählten Referenzaufgabe beispielsweise der Wert von 1 Story Point zugeordnet. Alle weiteren Aufgaben werden in ihrer Komplexität in Relation zu der Komplexität der Referenzangabe bewertet. In Abhängigkeit davon, wie schnell die Referenzangabe erledigt wird, kann eine Aussage darüber getroffen werden, wie schnell sich die anderen Aufgaben erledigen lassen.

Vorteile

  • unabhängig von einzelnen Entwicklern
  • gut für agile Teams geeignet
  • berücksichtigt Unsicherheiten, indem die relative Unschärfe mit berücksichtigt wird

Nachteile

  • benötigt Erfahrungswerte des Teams
  • für Außenstehende oft schwer verständlich
  • keine direkte Aussage über den Zeitaufwand
  • Anfangs kaum Aussage über den zeitlichen Aufwand möglich

Einsatzgebiete

  • Da Story Points aus der agilen Entwicklung kommen, eignen sie sich besonders für Agile Projekte, z.B. Scrum.

Vorgehensweise

  1. Auswahl einer Referenzaufgabe.
  2. Bewertung neuer Aufgaben im Vergleich zur Referenz.
  3. Berücksichtigung von Komplexität, Arbeitsumfang und Risiken.
  4. Addition der Story Points für einen Sprint.
  5. Nutzung der bisherigen Teamgeschwindigkeit (Velocity), um den zeitlichen Aufwand abzuleiten.

Beispiel

User StoryStory Points
Login-Funktion3
Registrierung5
Produktsuche8
Warenkorb13

Gesamt: 29 Story Points

Einordnung

Agile relative Schätzmethode.

3.6 Planning Poker

Das Planning Poker ist eine agile Schätzmethode, die auf Teamdiskussionen basiert und häufig in Verbindung mit Story Points in Scrum-Projekten eingesetzt wird. Das Entwicklungsteam bewertet die Komplexität von Anforderungen mithilfe relativer Größen, sogenannter Story Points. Beim Planning Poker geben alle Teammitglieder ihre Schätzung gleichzeitig ab und diskutieren unterschiedliche Bewertungen.

Vorteile

  • nutzt das Wissen des gesamten Teams
  • reduziert den Einfluss einzelner Personen
  • fördert den Austausch über Anforderungen

Nachteile

  • benötigt mehrere Teilnehmer
  • erfordert ein eingespieltes Team
  • keine direkte Aussage über den Zeitaufwand möglich, da das Ergebnis eine relative und keine absolute Zeitschätzung ist 
  • Anfangs kaum Aussage über den zeitlichen Aufwand möglich

Einsatzgebiete

  • Da das Planning Poker aus der agilen Entwicklung kommt, eignet es sich besonders für Agile Projekte, z.B. Scrum.

Vorgehensweise

  1. Der Product Owner stellt eine User Story vor.
  2. Das Team diskutiert offene Fragen.
  3. Jedes Teammitglied wählt verdeckt eine Karte mit einem Schätzwert (meist Fibonacci-Reihe: 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, …).
  4. Alle Karten werden gleichzeitig aufgedeckt.
  5. Bei großen Abweichungen erläutern die Teilnehmer ihre Einschätzung.
  6. Anschließend erfolgt eine erneute Abstimmung bis ein gemeinsamer Wert gefunden wird.

Einordnung

Agile Konsensmethode.

3.7 Three-Point Estimation (PERT)

Diese Methode berücksichtigt Unsicherheiten und Risiken, indem für jede Aufgabe drei Werte bestimmt werden:

  • optimistische Schätzung (O)(Wieviel Zeit benötige ich, wenn alles gut geht und optimal läuft?),
  • wahrscheinlichste Schätzung (M)(Wieviel Zeit werde ich am wahrscheinlichsten brauchen?),
  • pessimistische Schätzung (P)(Wieviel Zeit benötige ich, wenn alles mögliche schief geht?).

Der erwartete Aufwand A ergibt sich aus einer gewichteten Mittelwertbildung, wobei die wahrscheinlichste Schätzung stärker berücksichtigt wird. Zu beachten ist, dass die Risikowahrscheinlichkeit mit berücksichtigt wird, je nachdem ob die wahrscheinlichste Schätzung (M) näher an der optimistischen Schätzung oder näher an der pessimistischen Schätzung ist.

Vorteile

  • berücksichtigt Risiken
  • realistischere Ergebnisse, durch realistische Berücksichtigung von Unsicherheiten

Nachteile

  • höherer Schätzaufwand, da mehrere Werte für jede Aufgabe bestimmt werden müssen
  • benötigt Erfahrung bei der Festlegung der drei Werte

Vorgehensweise

  1. Ermittlung des optimistischen Aufwands (O).
  2. Ermittlung des wahrscheinlichsten Aufwands (M).
  3. Ermittlung des pessimistischen Aufwands (P).
  4. Berechnung des erwarteten Aufwands mittels gewichteter Durchschnittsbildung, z.B. Aufwand A = (O + 4M + P)/6.
  5. Nutzung des Ergebnisses für die Projektplanung.

Einsatzgebiete

• geeignet für Projekte mit hoher Unsicherheit, da das Risiko extremer Fehleinschätzungen reduziert wird

Beispiel

Eine Aufgabe wird wie folgt eingeschätzt:

  • Optimistisch: 8 Stunden
  • Wahrscheinlich: 12 Stunden
  • Pessimistisch: 20 Stunden

Der erwartete Aufwand liegt aufgrund der Gewichtung nahe bei 14 Stunden und berücksichtigt gleichzeitig mögliche Risiken.

Einordnung

Probabilistische Schätzmethode.

3.8 Breitband-Delphi-Methode (Wideband Delphi)

Die Breitband-Delphi-Methode ist eine strukturierte Gruppenmethode zur Aufwandsabschätzung, bei der mehrere Experten unabhängig voneinander Schätzungen abgeben und diese in mehreren Diskussionsrunden schrittweise aneinander angepasst werden. Ziel ist es, eine möglichst objektive und realistische Aufwandsschätzung zu erhalten und den Einfluss einzelner Meinungen zu reduzieren.

Die Methode wurde speziell für Softwareprojekte entwickelt und basiert auf dem klassischen Delphi-Verfahren, erweitert dieses jedoch durch gemeinsame Diskussionen und eine detaillierte Analyse der Projektanforderungen.

Vorteile

  • Berücksichtigung unterschiedlicher Fachkenntnisse und Erfahrungen
  • Reduzierung subjektiver Einzelmeinungen
  • Strukturierter und nachvollziehbarer Schätzprozess
  • Verbesserung der Schätzgenauigkeit durch mehrere Bewertungsrunden
  • Identifikation von Risiken und fehlenden Anforderungen bereits in der Planungsphase

Nachteile

  • Höherer Zeitaufwand im Vergleich zu einfachen Expertenschätzungen
  • Erfordert die Verfügbarkeit mehrerer qualifizierter Experten
  • Moderation und Koordination sind notwendig
  • Mehrere Diskussionsrunden können den Planungsprozess verlängern

Einsatzgebiete

Die Breitband-Delphi-Methode eignet sich besonders für:

  • große und komplexe Softwareprojekte,
  • Projekte mit vielen Unsicherheiten,
  • Projekte mit neuen Technologien oder innovativen Anforderungen,
  • strategisch wichtige Projekte mit hohen Qualitäts- und Budgetanforderungen.

Vorgehensweise

Die Breitband-Delphi-Methode erfolgt in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten:

  1. Vorbereitung – Zu Beginn erstellt der Moderator eine Beschreibung des Projekts mit den wichtigsten Anforderungen, Annahmen und Rahmenbedingungen. Alle beteiligten Experten erhalten dieselben Informationen als Grundlage für ihre Schätzung.
  2. Individuelle Aufwandsschätzung – Jeder Experte schätzt den Projektaufwand unabhängig von den anderen Teilnehmern. Dadurch sollen gegenseitige Beeinflussungen vermieden und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt werden.
  3. Gemeinsame Diskussion – Anschließend werden die Ergebnisse vorgestellt und miteinander verglichen. Große Unterschiede in den Schätzungen werden diskutiert. Die Experten erläutern ihre Annahmen, weisen auf Risiken hin und identifizieren mögliche Missverständnisse oder fehlende Anforderungen.
  4. Überarbeitung der Schätzungen – Nach der Diskussion erstellt jeder Experte eine neue Aufwandsschätzung unter Berücksichtigung der gewonnenen Erkenntnisse. Dieser Prozess kann mehrmals wiederholt werden, bis sich die Schätzungen annähern und ein Konsens erreicht wird.
  5. Festlegung der endgültigen Schätzung – Als Ergebnis wird entweder der Durchschnittswert oder ein gemeinsam akzeptierter Schätzwert als Grundlage für die Projektplanung verwendet. Zusätzlich werden die zugrunde liegenden Annahmen und identifizierten Risiken dokumentiert.

Beispiel

Ein Unternehmen plant die Entwicklung einer neuen mobilen Anwendung. Vier Softwarearchitekten geben zunächst folgende Aufwandsschätzungen ab:

ExperteAufwand
Experte A450 Stunden
Experte B520 Stunden
Experte C680 Stunden
Experte D500 Stunden

Während der Diskussion stellt Experte C fest, dass zusätzliche Sicherheitsanforderungen berücksichtigt wurden, die den anderen Teilnehmern zunächst nicht bekannt waren. Nach einer gemeinsamen Analyse passen die Experten ihre Schätzungen an und einigen sich schließlich auf einen Aufwand von etwa 560 Stunden.

Einordnung der Methode

Expertenbasierte Konsensmethode.

Die Breitband-Delphi-Methode kombiniert die Vorteile der Expertenschätzung mit einem strukturierten Konsensverfahren. Durch die unabhängigen Schätzungen und die anschließende Diskussion werden individuelle Fehleinschätzungen reduziert und eine höhere Genauigkeit erreicht. Aus diesem Grund zählt sie zu den zuverlässigsten qualitativen Verfahren der Aufwandsabschätzung und wird insbesondere in professionellen Softwareentwicklungsprojekten häufig eingesetzt.

3.9 Function-Point-Analyse (FPA)

Ich selbst habe die Function-Point-Analyse noch nie angewendet und ist auch eher ein Zwischenschritt für Aufwandsabschätzungen, ist aber besonders bei sehr großen Softwareprojekten hilfreich und soll deshalb hier erwähnt werden. Die Function Point Analysis bewertet den funktionalen Umfang eines Projektes unabhängig von ihrer technischen Umsetzung. Dabei werden Eingaben, Ausgaben, Schnittstellen und Datenbestände analysiert und gewichtet. Die FPA ist keine Aufwandsschätzmethodik an sich, sondern kann als Maß für die fachlich-funktionalen Anforderungen und in Verbindung mit Schätzmodellen wie COMOCO oder Referenzdaten für Aufwandsschätzungen bereits zu frühen Projektzeitpunkten eingesetzt werden.

Vorteile

  • objektive und standardisierte Bewertung
  • unabhängig von technischer Umsetzung, wie z.B. Programmiersprachen

Nachteile

  • komplexe und aufwendige Anwendung
  • hoher Analyseaufwand
  • spezielle Fachkenntnisse erforderlich

Einsatzgebiete

  • gut für Angebotskalkulationen und Geschäftsanwendungen geeignet

Vorgehensweise

  1. Identifikation aller Eingaben und Ausgaben.
  2. Analyse von Benutzerabfragen und Schnittstellen.
  3. Bewertung der Datenbestände.
  4. Einstufung der Komplexität jeder Funktion.
  5. Berechnung der gesamten Function Points.
  6. Umrechnung der Function Points in einen geschätzten Entwicklungsaufwand anhand empirischer Kennzahlen.

Einordnung der Methode

Größenbasierte Schätzmethode.

3.10 COCOMO-Modell

Ich persönlich habe das COCOMO-Modell noch nie angewendet, ist aber ebenfalls besonders bei sehr großen Softwareprojekten hilfreich und soll deshalb ebenfalls hier erwähnt werden. Das Constructive Cost Model (COCOMO) ist ein mathematisches Modell zur Schätzung des Entwicklungsaufwands. Es berücksichtigt die Größe der Software sowie verschiedene Einflussfaktoren wie Teamerfahrung, Komplexität und Qualitätsanforderungen.

Vorteile

  • wissenschaftlich fundiertes Verfahren
  • geeignet für große Projekte
  • reproduzierbare Ergebnisse

Nachteile

  • komplexe Anwendung, da genaue Eingabedaten erforderlich
  • eingeschränkte Eignung für agile Projekte
  • weniger flexibel bei sich häufig ändernden Anforderungen

Einsatzgebiete

  • besonders für große Softwareprojekte geeignet

Vorgehensweise

  1. Bestimmung der Softwaregröße (z. B. Tausend Codezeilen oder Function Points).
  2. Auswahl des passenden COCOMO-Modells.
  3. Bewertung verschiedener Einflussfaktoren wie:
    • Erfahrung des Teams,
    • Komplexität der Software,
    • Zuverlässigkeitsanforderungen,
    • Entwicklungsumgebung.
  4. Berechnung des erwarteten Entwicklungsaufwands mithilfe des Modells.
  5. Ableitung von Projektlaufzeit und benötigter Teamgröße.

Einordnung der Methode

Algorithmische Schätzmethode.

4. Vergleich der Methoden

Qualitative Methoden eignen sich besonders für frühe Projektphasen, während analytische und algorithmische Verfahren bei detaillierten Anforderungen genauere Ergebnisse liefern. Agile Methoden bieten Vorteile in Projekten mit häufigen Änderungen. In der Praxis werden häufig mehrere Verfahren kombiniert, um die Stärken der einzelnen Methoden zu nutzen und ihre Schwächen auszugleichen. Die folgende Tabelle bietet nochmal eine grobe Übersicht der vorgestellten Methoden.

MethodeGenauigkeitAufwandGeeignet für
Expertenschätzungmittelgeringkleine Projekte
Analogie-Schätzunghochgeringähnliche Projekte
Top-downgering bis mittelgeringfrühe Projektphasen
Bottom-uphochhochdetaillierte Planung
Planning Pokermittel bis hochmittelagile Projekte
Three-Point Estimationhochmittel bis hochProjekte mit Risiken
Breitband-Delphi-Methodehochmittel bis hochgroße Projekte, Projekte mit Risiken
Function PointshochhochGeschäftsanwendungen, große Softwareprojekte
COCOMOhochhochgroße Softwareprojekte

5. Kombination der Methoden und persönliche Erfahrungen

Schließlich möchte ich noch einmal betonen, dass die Kombination von Methoden vorteilhaft sein kann, um die Vorteile der einzelnen Methoden zu nutzen und die Genauigkeit der Schätzungen zu erhöhen. So wird z.B. meistens die Technik der Story-Points mit der Planning-Poker-Methode verbunden, wobei ich die Erfahrung gemacht habe dass der Einsatz von Story-Points sehr gewöhnungsbedürftig ist, da Komplexität ein sehr abstrakter Begriff ist. Meist fällt es den Entwicklern leichter in einem zeitlichen Horizont zu denken. Ich habe mich daraufhin des kleinen Tricks bedient, ein Referenzarbeitspaket mit dem Aufwand von etwa einem Arbeitstag zu wählen und das Team in Relation zu diesem Arbeitspaket mit der Planning-Poker-Methode abschätzen zu lassen. Das hat einerseits die Vorteile des Planning-Pokers gebracht (wie z.B. die Nutzung des Wissens des gesamten Teams bei gleichzeitiger Reduzierung des Einflusses einzelner Personen unter Einbezug der relativen Unschärfe und geförderten Austausch über Anforderungen) und andererseits Nachteile minimiert wie die schwere Verständlichkeit von Story-Points und den Schwierigkeiten einer zeitlichen Aufwandsaussage am Anfang des Projekts.

Auch habe ich in der Vergangenheit sehr gute Erfahrung mit der Kombination aus der Bottom-Up-Methode,  der Three-Point-Estimation-Methode und einer Teamabschätzung gemacht, die stark an die Breitband-Delphi-Methode angelehnt ist. Dabei habe ich die Projekte nach dem Bottom-Up Verfahren in einzelne Arbeitspakete zerlegt und von mehreren Teammitglieder unabhängig voneinander zu jedem Arbeitspaket eine optimistische, pessimistische und realistische Abschätzung geben lassen. Anschließend habe ich von der pessimistischen Abschätzung jeweils die pessimistischste und von der optimistischen Abschätzung die optimistischste genommen. Aus den realistischen Abschätzungen habe ich den Durchschnitt gebildet und den gewichteten Mittelwert für jedes Arbeitspaket mit diesen drei Zahlen gebildet (A = (MAX(O) + 4*M +MIN(P))/6). Wenn die Abweichungen der Schätzungen zu einzelnen Arbeitspaketen zu groß war, habe ich das Team zu einer kurzen Besprechung eingeladen, um im Team diese Arbeitspakete zu besprechen. Das hat zu recht genauen Abschätzungen geführt, die Risiken und Auftrittswahrscheinlichkeiten von Risiken häufig bereits mitberücksichtigt haben.

6. Fazit

Die Aufwandsabschätzung ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Softwareprojektmanagements. Sie bildet die Grundlage für Termin-, Ressourcen- und Budgetplanung und trägt maßgeblich zum Projekterfolg bei. Sowohl zu optimistische als auch zu pessimistische Schätzungen können erhebliche wirtschaftliche und organisatorische Folgen haben. Die Wahl einer geeigneten Methode hängt von der Projektgröße, dem Informationsstand und dem Entwicklungsmodell ab. Während qualitative Verfahren wie Expertenschätzungen und Top-Down-Verfahren schnelle Ergebnisse liefern, ermöglichen analytische und algorithmische Methoden wie das Bottom-Up-Verfahren, die Three-Point-Estimation, die Delphi-Breitband-Methode, FPA oder das COCOMO-Modell eine höhere Genauigkeit zum Preis eines höheren Aufwands. Die Kombination mehrerer Schätzverfahren sowie die kontinuierliche Aktualisierung der Schätzungen während des Projektverlaufs stellen in der Praxis einen erfolgversprechenden Ansatz dar.

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